Lobende Erwähnungen der Jury

TÚ ULTIMO DIA EN LA TIERRA von Marc Martinez Jordán

TÚ ULTIMO DIA EN LA TIERRA entführt den Zuschauer auf eine vielschichtige Zeitreise und zeichnet ein unglaublich spannendes Szenario um den Umgang mit dem Verlust geliebter Menschen. Visuell stark und äußerst ideenreich umgesetzt, gelingt es TÚ ULTIMO DIA EN LA TIERRA einem Thema, an dem schon viele Produktionen gescheitert sind, völlig neue Impulse zu geben. Ein äußerst fesselndes und innovatives Werk für ein anspruchsvolles Publikum.

CARLOTTA´S FACE von Valentin Riedl & Frédéric Schuld

Carlotta leidet unter der seltenen Krankheit Prosopagnosie. Sie kann keine Gesichter erkennen. Zusammen mit dem Filmemacher Frédéric Schuld erzählt der Regisseur und Neurowissenschaftler Valentin Riedl das Selbstporträt der Künstlerin aus der Ich-Perspektive auf ihrer Reise von Verwirrung und Isolation hin zur künstlerischen Selbstbestimmung. Wir freuen uns sehr auf dem abendfüllenden Dokumentarfilm über Carlotta, der bald folgen wird, denn nach dem informativen fünfminütigen Animationsfilm, der ebenso berührend wie unterhaltsam ist, kann man es kaum erwarten, mehr von Carlotta zu sehen und über sie zu erfahren.

DIE FANTASIE IST EIN FLUCHTTIER von Ella Cieslinski, Hochschule für Fernsehen und Film München

Mit ihrem Kurzfilm DIE FANTASIE IST EIN FLUCHTTIER wirft uns Ella Cieslinski in die Welt der jungen Spanierin Nicola, sich auf die Suche nach einer diffusen sexuellen Fantasie begibt. Dass sich die Realität dann doch anders anfühlen mag als die bloße Idee einer neuen Erfahrung, inszeniert die Regisseurin mit großer Aufrichtigkeit und genauer Beobachtungsgabe.

ASTRONAUT OD PEROLAKA von Dalibor Baric

Austronaut Od Perolaka ist eine düstere Dystopie getarnt im Federgewand einer künstlerischen Animationserzählung. Der Film schafft neue Wege und Erzählweisen für die Überwindung von Raum und Zeit. Er ist poetisch, klug und knallhart.
Innerhalb weniger Minuten hat man vergessen, dass man einen Animationsfilm sieht.
Der Alptraum zieht den Zuschauer in seinen Bann und lässt ihn schaudern, sobald er begreift in welch unheimliche Zukunft der kapitalistischen Welt uns der Regisseur schickt. In seinem Science Ficiton Film ist der Körper eine Ware, die sich nur die Reichen leisten können. Doch was bleibt von uns ohne unsere Körper. Ein Geist, oder nur die Aufzeichnungen von uns. Eine Vorstellung von uns? Sind wir ohne ihm frei oder auf Ewigkeiten in einem dunklen Nimbus gefangen.
Hätte Proust zu seiner Theorie von einem Sprung durch die Zeit hervorgerufen durch Erinnerung kein Buch geschrieben, sondern einen Animationsfilm gemacht, sähe dieser wahrscheinlich aus wie „Austronaut Od Perolaka“ von Dalibor Baric. Gleichzeitig erinnert der Film an eine Mischung aus Solaris von Tarakowski und Letztes Jahr in Marienbad. Für die Jungen unter uns ist „Austronaut Od Perolaka“ vielleicht die künstlerische Antwort auf die Netflix Serie „Altered Carbon“. Doch hatte der Regisseur Baric keine Spezialeffekte und keine Chanelkostüme, sondern bedient sich den Mitteln des Animationsfilmes um seine Botschaft zu vermitteln und schafft es so dieses schockierende und surreale Gefühl zu erzeugen.
Der Film taucht tief in unseren Verstand ein und in dem Moment in dem man denk man hat das für den Geist unbegreifliche begriffen, die flüchtigen Gedanken gefasst, entwischen sie einem auch schon wieder und man verliert sich im Weltall von Raum und Zeit.

MANILA IS FULL OF MEN NAMED BOY von Andrew Stephen Lee

Der Regisseur Andrew Stephen Lee schafft es die tiefe Bedeutung und Tragweite einer gescheiterten Vater-Sohn Beziehung in einem gebeutelten Land zu erzählen.
Ein erwachsener Sohn kämpft um die Anerkennung seines Vaters und kauft sich ein Kind um ihn zu beeindrucken. Um seine eigenen Gefühle kreisend verhält er sich seinem gekauften Kind gegenüber genauso rücksichtslos, verständnislos und gefühlskalt wie sein eigener Vater ihm gegenüber. Der alte Vater verhält sich kindisch, während sein erwachsener Sohn ihn mit den erwartungsvollen, leuchtend traurigen Augen eines Kindes anblickt. Gleichzeitig schaut sein gekauftes Kind bereits mit einer stumpfen Abgebrühtheit in die Welt. Wie ein alter Mann dem nichts lebenswert erscheint. Der Titel würde auch andersherum funktionieren Manila ist Full of Boys Named Men, über kindliche Eltern und Kinder in Erwachsenenrollen.
Mutig konzentriert sich der Film auf das Wesentliche ohne Ablenkung durch Filmeffekte, verzichtet auf Farbe, ausufernde Dialoge, oder einem schnellen Schnitt. Die hervorragende Kameraarbeit mit langen Einstellungen und sanften Zufahrten wirkt zu keinem Zeitpunkt artifiziell, sondern lässt die Gefühle der Darsteller spürbar werden. Ebenso fokussiert die Reduzierung auf Schwarz-Weiß auf den Kern der Erzählung. Weder fehlt die Farbe, noch wirkt das Schwarz-Weiß künstlich und gewollt. Die gewählten Stilmittel des Regisseurs wirken nicht wie eine leere künstlerische Hülle, sondern dienen jeden Moment der Erzählung und sind gefüllt mit den Inhalten die verhandelt werden, ohne sie dabei direkt zu benennen, oder darüber zu sprechen. Das ist eine wesentliche Fähigkeit und die Kunst zu der das Medium Film fähig ist. Eine Situation zu beschreiben, Gefühle spürbar zu machen, ohne darüber zu sprechen. Die gesprochenen Dialoge sind scheinbar äußerlich. Es geht um Karaoke und Michael Jacksons Tod, doch was eigentlich verhandelt wird liegt in den Zwischentönen. Wie so oft in unserer Realität.

DARK CHAMBER von Otto Banovits

Durch ein winziges Loch in der Außenhülle einer Stahlwand dringt die Szenerie eines idyllischen Autorastplatzes wie eine auf dem Kopf stehende Projektion einer Camara Obscura in einen engen Raum ein. Draußen spielen Kinder, Reisende kaufen ein Eis auf dem Weg in den Urlaub. Die Welt scheint in bester Ordnung zu sein. Die Kamera schwebt über die Silhouetten von scheinbar schlafenden Menschen in dem engen Raum, auf das kleine Luftloch zu und dringt nach außen. Dort steigt sie in die Höhe und wir erkennen den Raum als Container eines LKWs, der gerade von Polizisten geöffnet wird. Den Polizisten eröffnet sich ein schreckliches Bild. Doch die Irritation ist nicht von Dauer. Der Reisealltag geht weiter, die Toten bleiben zurück.
Otto Banovits' Kurzfilm Dark Chamber basiert auf einem wahren Ereignis aus dem Jahre 2015, als 71 illegale Flüchtlinge einen ebenso tragischen, wie vermeidbaren Tod durch Ersticken in einem LKW gefunden haben. Die Nachstellung des Ereignisses mit nur einer einzigen langsamen Kamerafahrt über einzelne Fragmente der Szenerie lässt uns erst am Ende das Gesamtbild verstehen und lässt die Katastrophe so auf eindrückliche Weise für den Zuschauer spürbar werden.

DER HUND BELLT von Stefan Polasek, Filmakademie Wien

In seinem Film DER HUND BELLT entführt Stefan Polasek den Zuschauer in eine absurde Welt erdrückender Eintönigkeit und stumpfester Routinen. Familie und Arbeitskollegen sind unempfänglich für jede dem Alltagstrott trotzende Abweichung. Erst der Hund der Nachbarin, der jeden Tag das penibel angelegte Blumenbeet aufs Neue zerstört, bringt das scheinbar perfekte Vorstadtidyll aus den Fugen und bereitet den Weg für einen radikalen und blutigen, am Ende jedoch aussichtslosen Ausbruchsversuch seiner Hauptfigur.
Stefan Polasek überzeugt mit seinem Drehbuch durch außergewöhnlichen Humor und ebenso treffsicherer wie konsequenter Inszenierung seiner absurden Welt, mit der er unsere durch ökonomisierte Gesellschaft aufs Korn nimmt und den Zuschauer seinen eigenen Alltag hinterfragen lässt.